Google Translate: Die Dose fängt das Denken an!

Als ehemaliger Student der Computerlinguistik (Aufbaustudium)war ich von Google Translate schon immer fasziniert.

Mehrfach habe ich seit ca. 2011 mit dem Tool herumgespielt  – und sein langsames Erwachsenwerden mitverfolgt.

Im Januar diese Jahres habe ich während der Arbeit an meinem Buch „DevOps Strategies“  Bekanntschaft mit einem neuen Phänomen bei der Nutzung von Google Translate gemacht:

Abbildung 1

Abb. 1

Wie es scheint, hat Google Translate den Satz im linken Kasten analysiert, aber nicht übersetzt, sondern inhaltlich kommentiert!

Offensichtlich ist sowohl die Quelle (links) als auch das Ziel (rechts) in englischer Sprache. Es deutet somit alles auf einen Bedienfehler hin: Obwohl auf der linken Seite die eingestellte Sprache „Deutsch“ ist, wurde ein englischer Text eingegeben. Wie man in der Abb.2 sieht, ist die automatische Übersetzung („Sofortübersetzung“) eingeschaltet, d.h. Google Translate hätte auf der linken Seite automatisch auf „Englisch“ und auf der rechten Seite nach „Deutsch“ schalten müssen. Dies ist bei eingeschalteter Sofortübersetzung normalerweise der Fall.
Das dies nicht geschehen ist, kann auf einen (inzwischen behobenen ) Bug in der Software zurückzuführen sein. Um Ostern 2017 herum konnte ich dieses Verhalten nicht mehr reproduzieren.

Allerdings enthält der in Abb. 1 gezeigte Text auf der linken Seite eine Unrichtigkeit – das Verb „Oversee“ ist ein sog.“False friend“ – es klingt so ähnlich wie das deutsche „übersehen“, (etwas nicht sehen) bedeutet aber „überblicken“. Trotzdem scheint Google Translate die eigentlich intendierte Intention des Verfassers zu erkennen.

Wurde das „korrektere“ Verb „overlook“ verwendet, stellte sich die rechte Seite geringfügig anders dar (Abb. 2).

Abbildung 2

Abb. 2

Die Freunde der gepflegten Verschwörungstheorie konstatieren natürlich umgehend die Machtübernahme der Welt durch Alphabet mit Hilfe einer Welt-umspannenden KI.

Oder besser: die KI selbst übernimmt die Welt, nachdem sie (die KI) Alphabet als erstes übernommen hatte.

Da muss man das Ganze natürlich genauer betrachten:

Google Translates Übersetzungsalgorithmus basiert auf verschiedenen Technologien: Statistische Übersetzung und Neuronale Netze.

Statistik speist sich aus der Realität – Texte aus verschiedenen Sprachen werden zur Übersetzung herangezogen – dies geschah vor Ende 2016 bei Google Translate nur durch statistische Übersetzungsmethoden.

Die aus dieser Art der maschinellen Übersetzung hervorgegangenen Übersetzungen können durch die Anwender korrigiert und verbessert werden, was zu einer weiteren Verbesserung der Übersetzungen führt.

Seit Ende 2016 benutzt Google Translate für einige Sprachen zusätzlich zu den statistischen Verfahren noch neuronaler Netzwerke (sog. rekurrente neuronale Netze) – die Übersetzung von Deutsch nach Englisch gehört offensichtlich dazu. Hierdurch lernt das Neuronale Netz und erlaubt auch die Übersetzung von Texten, die, vereinfacht gesagt, noch nicht in verschiedenen Sprachen vorliegen. Zumindest auuf effektivere Weise als unter alleiniger Verwendung der statistischen Übersetzung. Zu Mehrsprachigen Dokumenten gehören auch Diskussionspapiere, die gerade aktuelle Diskussionen und deren Ergebnisse wiederspiegeln, einschließlich einer Portion Zeitgeist. Letzteres wird in dem o.g. Phänomen offensichtlich.

Durch die Zusammenarbeit aus der Simulation menschlicher Gehirntätigkeit mit Massen an Dokumenten aus einem mehrsprachigen Textkorpus kann es zu unerwarteten Ergebnissen wie dem oben beschriebenen kommen, ähnlich der Unberechenbarkeit einer natürlichen Intelligenz.
Man muss sich nämlich klar machen, dass auch das menschliche Gehirn und damit jedes Neuronales Netz nicht etwa eine Rechenwerk darstellt, sondern ein Gerät zur statistischen Analyse linguistischer Informationen – nichts anderes macht Google Translate.

Wir müssen uns also darauf einstellen, dass die die Kombination aus Neuronalem Netz und Massendatenverarbeitung irgendwann nicht nur den Touring-Test „mit Links“ abhakt, sondern auch eigene Gedankengänge verfolgen wird. Das Verständnis menschlicher Sprache und KI sind zwei Seiten derselben Medaille. Meines Erachtens ist es nur folgerichtig , dass auf die weltumspannende „intelligente“ Suche, die „intelligente“ Übersetzung aller Sprachen und am Ende eine weltumspannende Intelligenz folgt. Diese KI würde sich selbständig optimieren und eine von der menschlichen Intelligenz andersartigen aber ebenbürtigem Intelligenz entwickelt.

Google ist hier der Treiber und Geburtshelfer, aber nicht der Erfinder der KI.

Anders ausgedrückt, die Tür zur KI wird von allen Akteuren dieser Welt Stück um Stück weiter aufgestoßen.
Das Ganze stellt keine Revolution der KI dar, sondern es gleicht mehr einer Evolution. Damit meine ich dass die Entwicklung der KI unausweichlich ist, solange die entsprechende Prinzipien (Deep Learning, Statistik) angewendet werden und wir es zulassen, dass sich die Systeme autonom weiterentwickeln.

Es ist keineswegs ausgemacht, dass der Mensch die Krone der Schöpfung darstellt.

Mit anderen Worten: In dem in diesem Artikel dokumentierten Phänomen sehen wir eine KI aufblitzen und hatten -vielleicht- einen Einblick in Alphabets Pläne – dies war einem inzwischen behobenen Fehler zu verdanken. Dieser Fehler lässt sich heute nicht mehr reproduzieren.
Alphabet wird um das wahre Potential seiner Technologie wissen und könnte entsprechende in der Testphase befindliche KI-Funktionalitäten bereits in größerem Umfang zur Verfügung stellen, als bereits geschehen. Dies könnte die Evolution beschleunigen. Don’t be evil!

Und zuletzt die Preisfrage an alle Verschwörungstheoretiker und Alu-Hut-Träger:

Warum, zum Henker, schreibe ich diesen Blogeintrag erst jetzt, 10 Monate nach Auftreten des Phänomens?

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