Die GroKo verhindert SCRUM

Das Projektmultiversum

Mein berufliches Projektuniversum ist vielfältig, in Multi-Projekt-Szenarien koexistieren agile und konventionell gemanagte Projekte innerhalb eines Programms. Die konventionell geführten Projekte sind zumeist Fixpreisprojekte („FP“) mit harten Deadlines, und festem, eher kleineren Umfang, während die agilen Projekte nach Zeit und Aufwand („T&M“) berechnet werden.  Sehr oft setzen agile „T&M“-Projekte auf den Ergebnissen  von FP-Projekten auf  oder aber es müssen T&M- und FP-Projekte in einem Programm auf ein gemeinsames Ziel hin koordiniert werden.  Die Personen wechseln dabei ggf. nach Bedarf zwischen verschiedenen Projekten und Projektarten. Hinzukommt, dass sich die agilen SCRUM-Teams aus Mitarbeitern von Auftraggeber- und Auftragnehmer-Seite zusammensetzen.

Der Gesetzesrahmen

Die in diesem Szenario geforderte Flexibilität lässt sich aufgrund des im April 2017 in Kraft getretenen Gesetz zur Änderung des Rechts der Arbeitnehmerüberlassung sehr schwierig realisieren, da dort zwischen einer strikten Trennung von Werkvertrag (FF) und Dienstleistungsvertrag (T&M) ausgegangen wird. Dies ist völlig weltfremd, da effektive Verträge im agilen Umfeld eine „Fixed Fee“ und eine Dynamic Fee Komponente vorsehen, deren jeweilige Höhe von der Projektlaufzeit abhängen.

Somit verhindert die aktuelle Gesetzeslage eine zeitgemäße und agile Kooperation zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern und geht stattdessen von eine völlig überholten strikten Trennung von Auftraggeber- und Auftragnehmer-Team aus. DevOps-Projekte sind dadurch praktisch auf reine Inhouse-Entwicklungen beschränkt. Eine solcher Inhouse-Ansatz bietet zwar auch Vorteile, ist aber für viele Unternehmen nicht sinnvoll.

Die Folgen in der Praxis

Die Alternative wären (s.o.) also komplette Inhouse-Entwicklungen im Bereich der modernen Software-Entwicklung (DevOps, CI, CD). Dies mag zwar dem Sozi-Weltbild von jeden Morgen treu durch die Werksstore dackelnden Lohnempfängern entsprechen, ist aber im Zeitalter der Digitalisierung zumindest in weiten Bereichen der Software-Industrie überholt. Es ist mir unverständlich, wie der kleine Koalitionspartner in der großen Koalition in der Lage war, ein für die digitale  Wirtschaft derart schädliches Gesetz zu initiieren.

Die Erstellung von Software in agilen und aus Mitarbeitern von Auftragnehmer und Auftraggeber zusammengesetzten Teams würde somit automatisch eine Arbeitnehmerüberlassung  („ANÜ“)  seitens des Zulieferers erfordern. Hier greifen dann jedoch die für ANÜ im o.g. Gesetz genannten Beschränkungen, z.B. die max. Dauer von 18 Monaten. Für langfristige Koordination in Verbindung mit hochqualifizierten Mitarbeitern, deren Skills nicht an jeder Ecke zu finden sind, stellt ANÜ keine Option dar.

Und es kommt noch dicker …

Ein weitere gesetzliche Maßnahme, deren Sinn es geradezu zu sein scheint, moderne Technologien und damit einhergehende Arbeitsmodelle und Arbeitsmethoden (SCRUM, Kanban) zu bekämpfen, sind die Zusätze im Sozialgesetzbuch zum Thema Beschäftigung und selbständige Tätigkeit (§§ 7 bis 13). Diese bieten nunmehr keine klaren Kriterien  für einen Auftraggeber, eine Scheinselbständigkeit bei einem beauftragten Selbständigen auszuschließen.

Die Folgen für die deutsche Digitalwirtschaft

Durch derartige Unwägbarkeiten bei der Beauftragung externer Dienstleister koppelt sich Deutschland nachhaltig vom digitalen Fortschritt ab, da diese Unwägbarkeiten den Erfordernissen der digitalen Wirtschaft entgegenstehen, weshalb einige Firmen hie einige Wege bestreiten hier, indem sie z.B. Entwicklungstätigkeiten ins nahe europäische Ausland auslagern.

Andere Wege zur Steigerung der Flexibilität werden z.B. von SAP beschritten, wenn dort flächendeckend die Option zum Home Office einführt wird. Home Office bleibt natürlich ein gewagtes Unterfangen, da auch beim Thema „Home Office“ die Bürokratie-Keule droht, wenn regelmäßig und in erheblichem Umfang Leistungen im Home Office erbracht werden.

Natürlich ist es polemisch, allein einer Partei die Schuld an der stümperhaften Rechtslage zu geben. Außerdem resultiert die Motivation für derartige Gesetzestextmachwerke nur zu einem kleinen Teil aus  einem ideologischen Unterbau, der vorsieht, dass sich Arbeitnehmer zu bestimmten Zeiten an Stechuhren und in Schrebergartenkolonien einfinden sollen. Vielmehr darf man annehmen, dass es maßgeblich um die Sanierung der der Rentenkassen geht – bei letzterem hätten dann wohl alle Koalitionäre an einem Strang gezogen.

Ich selbst habe es bis jetzt geschafft, mich nicht auf ANÜ oder irgendeine Art von Festanstellung einlassen zu müssen, werde bei meiner Arbeit für verschieden Kunden und in unterschiedlichen Projekten aber zunehmend mit neuen Compliance-Regeln konfrontiert die nicht anderes tun, als die Arbeit nachhaltig zu verteuern – und zu verlangsamen, nur um den verqueren gesetzlichen Vorgaben zu genügen

Über die Tatsache, weshalb die gesamte deutsche Digitalwirtschaft noch nicht gegen derartige Gesetze sturmgelaufen ist, lässt sich nur spekulieren.

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