ITIL® 2018 – war wohl nix!

Axelos hat Angst – aber vor dem falschen „Feind“

Sie heißt jetzt „ITIL® 4“ – die Nachfolgeversion von ITIL® 2011. Der Namenswechsel wurde notwendig, weil Axelos (der ITIL® Rechteverwerter) zunächst ein ITIL® Update noch im Jahre 2018 („ITIL® Update 2018“) in Aussicht gestellt, diesen Plan aber aufgegeben hat.

Auch scheint man auf Seiten von Axelos und der ITIL®-Foundation zu dem Entschluss gekommen zu sein, dass es mit einem „kleinen“ Update nicht getan ist – stattdessen wird offensichtlich ein größerer Wurf in Form einer neuen Version „4“ angestrebt.

Ein wesentlicher Bestandteil des neuen ITIL-Releases ist der Fokus auf den Nutzen der ITIL® Best Practices in Kombination mit DevOps, agilen und Lean-Methoden. („How ITIL® can be used in conjunction with DevOps, Agile and Lean„)

Im eigenen Saft

Fairerweise muss man anführen, dass sich Axelos die Best Practices nicht selbst „ausdenkt“ oder selbst entwickelt, sondern prinzipiell nur die bestehenden Best Practices der ITSM-Industrie dokumentiert und allgemein zugänglich mach, um dann an den Lizenzen für Trainings und Zertifizierungen zu verdienen.  Dass die Einbeziehung agiler und Lean Practices wie DevOps keine kleine Aufgabe ist, wird klar, wenn man bedenkt, dass Axelos dabei abhängig von der ITIL® Foundation ist, in der ITIL-zertifizierte und ITIL-interessierte Personen vertreten sind. Diese Personen sind zumeist in Unternehmen tätig, deren Best Practices auf traditionelles ITSM ausgerichtet sind. Somit darf angenommen werden, dass diese Unternehmen zum größten Teil nicht wirklich agil ausgerichtet sind.

Das ist auch der Grund, weshalb Axelos explizit auch nach Input für ITL 4 außerhalb der ITIL®-Foundation fragt. Weil Die ITIL®-Foundation natürlich bzgl. DevOps, Agile und Lean ein Stück weit in ihrem nicht-agilen eigenen Saft schmort und auf Input von kompetenter Seite angewiesen ist.

Hilfe von außen

Ich frage mich natürlich, inwieweit Vertreter der agilen und DevOps-Community oder gar Anhänger des Radical-Agility-Ansatzes scharf darauf sind, sich in ITIL® 4 einzubringen, damit Axelos, deren Erkenntnisse monetarisieren kann.

Das fragt sich offensichtlich auch Axelos – verschiedene Autoren auf der ITIL-WEB Site werden nicht müde, in verschiedenen Artikeln gebetsmühlenartig darauf hinweisen, dass:

  1. DevOps nicht das „neue ITIL“ ist
  2. Dass DevOps und ITIL® nicht im Gegensatz stehen.
  3. Dass bestehende ITIL-Zertifizierungen weiterhin gültig sind

Hier wird meines Erachtens eine Diskussion vom Zaun gebrochen, die in Wahrheit gar nicht existiert. Ich selbst kenne keine Spezialisten, die ernsthaft die entsprechenden Standpunkte vertreten würden, nämlich dass DevOps das „neue“ ITIL® wäre und DevOps im Gegensatz zu ITIL® stünde. Denn DevOps zielt hauptsächlich auf Transitionsprozesse, die den Übergang einer Software von der Entwicklung in die Produktion realisieren.

Der wirkliche „Feind“

Es gibt neben ITIL® durchaus weitere Framework, die mit einem ganzheitlichen Anspruch eine Konkurrenz für ITIL® darstellen könnten: Das Scaled Agile Framework (SAFe®) oder z.B. Large Scale Scrum (LeSS). Obwohl primär auf die Entwicklung von Software ausgelegt, hat z.B. Safe® einen auf die komplette Organisation ausgerichteten Gültigkeitsanspruch. Dieser sieht vor, dass:

(1) DevOps kein Ergebnis, sondern eine Vorbedingung für den die grundlegendste SAF€-Implementierung darstellt („Essential SAFe“).

(2) Cross-funktionale Feature- und System-Teams auch Aufgaben hinsichtlich Pflege der (Entwicklungs-)Infrastruktur wahrnehmen.

Obwohl SAFe® keinen expliziten Anspruch auf die Abdeckung von IT-Service Management-Prozessen erhebt, kann es doch auf diese erweitert werden. Ähnlich wie ITIL, setzt denn auch SAFe® bereits auf Strategie-Ebene an, dem sog. „Portfolio-Management“ auf und bietet verschieden Ausbaustufen für den Einsatz in Unternehmen unterschiedlicher Größe an.

Vor diesem Hintergrund wird klar, weshalb Axelos die Diskussion um DevOps vom Zaun bricht – denn diese kann Axelos/ITIL® ohne Weiters erfolgreich argumentieren. Versierte Unternehmen, die SAFe® oder LeSS einführen könnten demgegenüber auf die Idee kommen, ihre starren ITIL-basierten ITSM-Prozesse auszuweiden, um die noch nutzbaren Komponenten mittels der agilen Frameworks neu zu organisieren.

Nicht die Stammkunden verprellen

Mit seiner „ITIL® 4“ – Initiative vergisst Axelos aber auch seine Stammklientel nicht – die zertifizierten ITIL-Batchträger aller Farben.

Deren Zertifikate sollen auch weiterhin gültig sein, auch wenn deren Inhaber so guut wie keine praktische Erfahrung mit agilen Technologien haben.

Um weiterhin glaubhaft zu sein, dürfen somit die mit ITIL® 4 zu erwartenden Neuerungen dann wohl auch nicht zu tiefschürfend sein.

Denn: Axelos hat offensichtlich Angst, nicht vor DevOps und Agilität an sich, sondern davor, dass sich unter dem Axelos ITIL-Radar andere Best Practices verbreiten. Genauso wie die Dinosaurier den ersten mausgroßen Säugern wohl auch keine Beachtung geschenkt haben.

Wenn man sich die Kategorien der für ITIL® 4 vorgesehenen Neuerungen anschaut:

  • The core principles of quality service management
  • Practical guidance on how to use ITIL
  • How ITIL® can be used in conjunction with DevOps, Agile and Lean

wird ebenso klar, dass es sich nicht um revolutionäre Änderungen handeln wird, denn z.B. die ITIL-Service Strategie-Prozesse werden von den o.g. Punkten unberührt. Allerdings stellen CLOUD und KI sowie Big Data Technologien eine Herausforderung für die strategische Ausrichtung von IT Service Providern dar.

Noch spielt Axelos die Trägheit der großen IT-Service-Organisationen in die Hände. Aber machen wir uns nicht vor, die althergebrachten Strategien und Praktiken für ITSM-Prozesse, die auf immer größere Skaleneffekte und striktes Outsourcing ausgerichtete sind, werden unter dem stetig steigenden Innovationsdruck an ihre Grenzen stoßen.

TLDR

Um auf lange Sicht weiterhin maßgeblich im Bereich ITSM zu sein, muss ITIL® sich konsequent agilen Techniken und Verfahren öffnen und Axelos muss auch mit anderen Organisationen zusammenarbeiten. SAFe® scheint hier ein guter Ansatz zu sein, es kämen aber auch andere agile Frameworks infrage, wie z.B. LeSS (Large Scale Scrum) oder DAS (Disciplined Agile Delivery)

Ich selbst sehe z.B. ein gewisse Potenzial im Scaled Agile Framework (SAFe®), wenn man es auf betriebliche Aspekte ausdehnen würde.

Denn obwohl sich SAFe® in der aktuellen Version 4.0 nur mit agiler Software-Entwicklung zu beschäftigt, erscheint mir eine Integration betrieblicher Best Practices möglich.

Umgekehrt müssen sich die Firmen ebenso neue Verfahren entwickeln, damit der ITSM-Bereich mit der agilen Software-Entwicklung Schritt halten kann.

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